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DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

Review - Jürgen Stollhans zu Gast im Salon des Refusès

8. August, 17:00 Uhr, Ehemaliges Polizeipräsidium

Foto: Isabel Winarsch
Zum Gastvortrag war der documenta 12 Künstler Jürgen Stollhans am Mittwoch in den Salon des Refusés geladen. In einer Präsentation hat er der öffentlichen Runde eine Sammlung von stark assoziativem Bildmaterial vorgestellt, das ihm für seine documenta 12 Arbeit Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße als Hintergrund- und Recherchematerial gedient hat. Er nennt es die „Exegese von dem Produkt“. Stollhans beschreibt Zusammenhänge von Sozialdemokratie und Kunst bzw. – schränkt er ein – von Bildästhetik und Sozialdemokratie oder – seiner Ansicht nach noch treffender – von Sozialdemokratie und Raupenfahrzeugen.

Letztere verbinde er – aufgrund der Novemberrevolution 1918/19 und deren militärischer Beendigung durch die, von der SPD bestellten, Reichswehr zur Verhinderung von Revolution und Anarchie – auch mit der SPD. Eine formale Verbindung gibt Stollhans zudem ein orangefarbener Prototyp eines Fahrzeuges von Luigi Colani aus den 1970er Jahren, den die SPD für ein Plakat ihrer Wahlkampfkampagne 1997 wieder aufgegriffen hatte und bei dem auch Stollhans in der Beschäftigung mit Raupenfahrzeugen Inspiration fand. Fahrzeuge stehen für ihn weiterhin metaphorisch für Fortschritt, für etwas, das sich selbst seine Straße (seinen Weg) bahnt. Und das illustriert er exemplarisch anhand von Bildern eines Zukunftskongresses der SPD, wo in einer Art Leistungsschau gewisse Raupenfahrzeuge und andere Maschinen der Zukunft gezeigt wurden.

Zur Erklärung sei vorangestellt: In seinem kleinen Panorama in der Neuen Galerie, der Medieninstallation Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße (1998–2007), arrangiert Stollhans in einer Art Modellarchitektur einen orangefarbenen Panzer ohne Waffen mit SPD-Logo und einem Bild Gerhard Schröders sowie weitere, PDS und CDU gewidmete, abgerüstete (Panzer-) Fahrzeuge, stilisierte blaue Bäumchen und ein Dixie-Klo auf Rädern. Plaketten und politische Transparente mit Aufschriften wie Die Rast auf der Flucht nach vorn, Blasenfrei zapfen oder ein rotes Banner mit der Parole Von der Sozialdemokratie lernen, heißt siegen lernen! sind der stark zitathaften, ironisierten Miniaturlandschaft beigegeben. Eine animierte Videoarbeit ergänzt den anarchisch-humorigen Blick auf die Welt und die Gegenwart - und speziell die in Kassel, wo die Geschichte der Rüstungsindustrie noch immer nachspukt.

Seinen Vortrag beginnt Jürgen Stollhans mit einem ungewöhnlichen Bildbeispiel, einer mittelalterlichen Darstellung der Fortuna als Glücksrad – seiner Ansicht nach eine Assoziation für Sachen, die auf die Welt kommen, groß werden und wieder irgendwie verschwinden bzw. durch andere ersetzt werden. Danach zeigt er sein Recherchematerial, das sich mit den Themen SPD und Raupenfahrzeugen im engeren oder weiteren Sinne beschäftigt: einerseits Bilder, Modelle, Texte und Illustrationen zur Panzerproduktion und –industrie und deren Anwendung im Ersten Weltkrieg, andererseits historische Bilder zur SPD wie ein Barrikadenbild zum Spartakusaufstand und moderne Bilder von Wahlkampf-Plakaten, -slogans und Kampagnen, wie ein pneumatisch aufgeblasener Ballon zum 100-jährigen Jubiläum der Sozialdemokraten von 1963 sowie ihrer Rezeptionsgeschichte. Während der Präsentation wird klar, dass sich Stollhans schon länger mit der SPD und deren Ikonografie befasst. Mit der Sammlung solcher Zeugnisse, erklärt er, habe er 1997 anlässlich der Wahlkampfkampagne zur Bundestagswahl 1998, die die Kohl-Ära beendet hat, angefangen. Dabei hat er auch das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn genutzt. Dazwischen stellt er eigene Werke vor, die in Auseinandersetzung mit der SPD entstanden sind. Darunter waren einige Motive aus dem Animationsfilm, der derzeit in der Neuen Galerie läuft, wiederzuentdecken.

Foto: Isabel Winarsch

Und so formen sich die Hintergründe von Vorwärts auf der deutschen Märchenstraße langsam zu einem Ganzen. Man bekommt eine Ahnung, wie Jürgen Stollhans arbeitet, wo er seine Inspiration erfährt, wie und wo er sich bildet. Sein Detailinteresse an Themen und Dingen wird sichtbar, seine subtilen Anspielungen und Verknüpfungen verschiedenster Inhalte werden transparent.

Als eigentlich schon Schluss sein sollte und die ersten Diskutanten bereits gegangen waren, zeigte Stollhans auch ältere Arbeiten. Zeichnungen zu Hähnchen und Hühnchen fahren mit dem Unimog nach Rigips und der Riesenkrakenlandverschickung oder die Fliegenden Analytiker, ein Flugzeugmodell vom Typ Learjet mit transantlantischer Psychoanalyse-Situation in Anlehnung an die Flying Doctors. Die Arbeiten stießen auf munteres Gelächter beim eisern interessierten Publikum, das gar nicht mehr gehen wollte. Und so wurde die Erkenntnis über das wunderbar humorvoll-ironische, aber nie böswillige Potenzial von Stollhans' Bildwelt zum letzten Topos in der Runde des Salon des Refusés – bei heftigem Applaus.

Die documenta 12 Beirats-Aktivität Salon des Refusés findet jeden Mittwoch um 17:00 Uhr im ehemaligen Polizeipräsidium, Königstor 31, statt und ist offen für jedermann.

von Claudia Jentzsch

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