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DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

Shooshie Sulaiman lädt in die Emotional Library


Was macht eine angenehme soziale Situation aus? Und wie wirkt Gestaltung und Form eines Raumes auf unsere Wahrnehmung von Kunst? Oder auf unsere Gespräche und Gesten?
Seit dem 3. Juli lädt die Künstlerin Shooshie Sulaiman das Publikum der documenta 12 in die Emotional Library ein:


Das röhrenförmige Konstrukt im Aue-Pavillon verwendet dieselben grau glitzernden Vorhangmaterialien und verschwindet fast im Camouflage-Gewand – eine Idee von Roger M. Buergel. Sulaiman dient der kreisrunde, semitransparente Raum als Refugium für ihre „Sprechstunden”. Ihre zwei Tagebücher Anna und Botanical Garden, intime Collagen aus Text und Bild, können in ihrer Anwesenheit betrachtet und gelesen werden - bloß anmelden muss man sich vorher. Eingerichtet ist der Ort ausschließlich mit zwei gepolsterten Stühlen, die Sulaiman in ihrem Kasseler Lieblingsrestaurant ausgeliehen hat – beide sind mit einem moosgrünen, weichen Stoff bezogen. Der Eingang zeigt nach Osten, für die Künstlerin beschreibt Emotional Library einen absichtsvollen Ort. Es ist auch kein Zufall, dass sie sich den Aue-Pavillon ausgesucht hat. Ihr gefällt die Offenheit und Großzügigkeit der Ausstellung dort, das „Fließende”, die Weitläufigkeit und das Unhierarchische der temporären Architektur – alles Eigenschaften, die ihrer künstlerischen Arbeit entsprechen. Ihre Gäste bleiben unterschiedlich lang, sagt Sulaiman, und sie bemerke genau, ob jemand ein ernsthaftes Interesse verfolge oder ihr quasi nur den „Orgasmus vorspiele”. Bevor sie die Bücher übergibt, fordert sie auf, im runden Raum eine Position für die Stühle zu wählen. Sulaiman notiert sich die gewählte Position zusammen mit den Gesten ihres jeweiligen Gegenübers. Ursprünglich hatte sie die Tagebücher gar nicht angelegt, um sie später öffentlich zu zeigen.
Bislang waren die zwei Tagebücher im Schloss Wilhelmshöhe in einer Vitrine ausgestellt, für zwei Wochen hat sie Shooshie Sulaiman aber für täglich vier persönliche Gespräche mit documenta 12 BesucherInnen in den Aue-Pavillon geholt. Mit dem Angebot macht Sulaiman ihre individuellen Bücher unmittelbar erfahrbar: Sie können angefasst, durchgeblättert, gelesen und gerochen werden – erst dann kommen ihre Eigenheiten und ihr Detailreichtum zur vollen Entfaltung.
Genauso gut gefällt es ihr, dass die alten chinesischen, sichtlich abgenutzten Stühle von Ai Weiwei zum Gebrauch in der Ausstellung stehen, möchte sie dadurch eine andere Erfahrbarkeit ihrer Arbeit herstellen, auch wenn das unter konservatorischen Gesichtspunkten natürlich eine Katastrophe sei. Aber ihr gefällt es, wenn ein Buch fünf Minuten später noch die Wärme desjenigen abgibt, der es vorher einige Zeit lang in seinen Händen gehalten hatte.
In beiden Büchern experimentiert sie mit unterschiedlichen Materialien und Techniken. Die handschriftlichen Seiten in Anna sind Siebdrucke, die sie wiederum mit Lack imprägniert hat, weil ihr der Geruch gefällt. Die dokumentarischen Texte, Überlieferungen ihrer Freundin aus den späten 1970er Jahren, werden von Schwarzweiß-Zeichnungen von Anna unterbrochen – Sulaiman ist also das Medium, das wiederum seine Eindrücke und Interpretationen zu Papier bringt.

Dass ihr soziale Situationen und die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem als Mittel dienen, um ein anderes, verstecktes Interesse zu verfolgen, zeigen schon frühere Arbeiten: Ihre Wohnung in Kuala Lumpur machte sie für einen Monat der Öffentlichkeit zugänglich – sie wohnte in einem besetzten Haus, das später zum Abriss bestimmt wurde, direkt hinter der Nationalgalerie. Auch diesen Ort hatte sie schon bewusst gewählt. Die Berater und Kuratoren des Museums lud sie ein - sie entdeckten ihre Porträts auf einem Fliegenklebeband im Garten wieder.
Sulaiman legt es auf gezielte Konfrontationen an – wie im Falle der Öffnung ihrer Privatsphäre: Mit dieser Aktion kritisierte sie die Sammlungspolitik der Nationalgalerie, indem sie die Gäste mit dem Privaten als Kunst reizte, eine Praxis, die in Malaysia bis dahin nicht zu den Praktiken zeitgenössischer KünstlerInnen gehörte. In Kassel geht es ihr darum zu beobachten, wie und ob das Publikum mit der Intimität der Bücher umgeht, welche kommunikativen Situationen daraus entstehen. Einige ihrer Gäste in Kuala Lumpur fragten, ob sie ihr Gras schneiden oder bei ihr übernachten könnten. Mit ihrer Videokamera dokumentierte sie alle Aktionen. Am Ende der zweiwöchigen Aktion möchten wir Shooshie Sulaiman und einige BesucherInnen nach ihren Erlebnissen fragen.

Bis zum 17. Juli hat jeweils eine Besucherin oder ein Besucher für 45 Minuten im Aue-Pavillon die Möglichkeit, mit der Künstlerin in einen offenen Dialog zu treten, sich die beiden Bücher anzusehen und zu lesen, sich vorlesen zu lassen, mehr über ihr Entstehen und ihre Hintergründe zu erfahren oder über etwas ganz anderes zu reden. Für diese Zeit bleibt die Vitrine im Schloss Wilhelmshöhe leer und verweist lediglich auf die Performance im Aue-Pavillon.

Von Vera Tollmann

*alle Fotos © Julia Zimmermann/documenta GmbH



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