DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

„Die documenta ist für mich eine Möglichkeit! Das ist keine Kunstausstellung, sondern eine Auseinandersetzung mit der Welt!“


Gerda Lippitz hat seit der documenta 4 alle Ausstellungen gesehen und immer eine Dauerkarte besessen. Sie lebt seit den 1960er Jahren in Kassel. Bei vielen Lunch Lectures (hier rechts, neben documenta 12 Kuratorin Ruth Noack) findet man sie im Publikum und oft diskutiert sie mit. Das war Grund genug, sie einmal persönlich zu befragen. Einer Zeitung hätte sie kein Interview gegeben, erklärt sie. Die 77-Jährige ist anspruchsvoll und sie lässt sich auf nichts festlegen: „Keine Allgemeinplätze bitte, Stoff habe ich Ihnen ja jetzt genug geliefert!“, gibt sie mir noch mit auf den Weg, als wir uns verabschieden.

Foto: Isabel Winarsch
Frau Lippitz, was ist in Ihren Augen an der documenta besonders?

Die documenta war für mich immer ein fester Punkt im Sommer. Und ich habe immer gesagt, in dem Sommer braucht man nicht zu verreisen, da passiert alles hier; bei der documenta 12 zum Beispiel die Lunch Lectures und das Filmprogramm im Gloria Kino. Da kriegt man Filme zu sehen, die in den normalen Kinos überhaupt nicht laufen. Aber es ist ja nicht nur die Ausstellung, sondern auch das Begleitprogramm, das die Stadt so lebendig macht. Alles, was sonst noch hier stattfindet und intensiver ist als in anderen Jahren, wie Off-Theater etc. Aber das sagen ja alle Leute in Kassel, dass die documenta-Sommer anders sind. Die freuen sich ja alle auf das Leben in der Stadt.

Sind Sie eine Kunstliebhaberin?

Ja, aber ich hab immer ein bisschen was gegen solche Wörter. Ich hab mich eigentlich immer für das interessiert, was in der Stadt passierte und bin allgemein sehr neugierig.

Foto: Isabel Winarsch - „Die documenta ist doch für uns Kasseler da. Ich kauf mir eine Dauerkarte und kann immer herkommen.“

Seit der documenta 4 haben Sie alle documenta-Ausstellungen besucht und immer eine Dauerkarte gehabt. Warum?


Das stimmt, ich habe alle gesehen, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Eine Dauerkarte hatte ich, damit man nicht so durchrennen muss. Ich finde, dass man solche großen Ausstellungen langsam anschauen muss, jeden Tag oder jedes Mal ein Stück. Die armen Zwei-Tages-Besucher! Die versprechen sich vielleicht einen Bildungsgewinn, doch so was braucht Zeit und nicht nur reine Kenntnis. Das hat Buergel gesagt (Kunst braucht Platz und Zeit) und das leuchtet mir sehr ein. Aber ich bin nicht so ein Sammler-Typ. Es hat mehr mit Neugier zu tun als mit Vollständigkeit. Natürlich auch mit Anregungen, die von außen kommen.

Sie sind ja eine richtige documenta-„Expertin“. An welche documenta oder welche documenta-Kunstwerke denken Sie besonders gern zurück? Sehen Sie Unterschiede in den Konzepten?

Ich möchte keine documenta besonders herausheben und ich würde da nicht von Unterschieden reden. Ich würde sagen, jede documenta war auf ihre Art charakteristisch und zeitgebunden. Das ist wichtiger als Unterschiede in den Konzepten.

Bemerkenswert war Mo Edoga (documenta 9) mit seinem Holzturm. Der hatte aus gefundenem Holz einen großen Turm auf dem Friedrichsplatz gebaut. In den durfte man reinklettern. Und Mo Edoga war ein Philosoph, der mit den Besuchern philosophierte. Da habe ich gelernt, dass Kunst nicht für die Ewigkeit ist, denn am Tag danach wurde der Bau abgerissen und das war so gedacht. Und das wird mit dem Mohnfeld dieses Jahr auch so sein.

Und Shirin Neshat (documenta 11) mit ihrem unglaublich eindrucksvollen Film. Das war ja die Zeit, als die bewegte Kunst – also Filme und Videos gab’s ja schon länger –, aber, dass das so richtig zentral geworden ist. Also, ich habe es dann erst begriffen.


„Ich habe noch nie so eine erholsame Ausstellung wie documenta 12 erlebt.“


Was halten Sie von dem Konzept von Roger M. Buergel?

Ja, mit Herrn Buergel hat es im Juli 2006 ein Interview im Deutschlandfunk gegeben. Und das habe ich mir damals auf Kassette aufgenommen, mehrmals angehört und auch für Freunde kopiert. Und in diesem Jahr kurz vor der Eröffnung habe ich es noch einmal gehört und habe mir dabei gedacht: Alles was er darin gesagt hat, das hat er so gemeint – einschließlich der Möglichkeit des Scheiterns – und das macht er. Sein Konzept beinhaltet ja verschiedene Ansätze, z.B. den, den ich schon genannt habe bezüglich Raum und Zeit. Und das mit den Palmenhainen funktioniert wirklich. Ich habe noch nie so eine erholsame Ausstellung wie die documenta 12 erlebt!

Wie kann man sich am besten auf die Ausstellung vorbereiten? Oder finden Sie, dass sie direkt erfahrbar ist, ohne größere Vorbildung?

Natürlich kann man sich vorbereiten, z.B. durch Radiointerviews und Zeitungsartikel. Und man kann sich im Katalog Informationen holen. Ich finde aber, dass man den Katalog hinterher lesen muss und erst schauen sollte. Denn man muss immer gucken, man muss hingehen und hinsehen und nicht immer bloß auf die Schilder gucken. Und ich hol’ mir vor allem viele Informationen in der Reflexion der anderen Besucher, das ist mein eigentliches Medium.

Wie kann man sich das vorstellen?

Der Sommer ist ja gerade deshalb so schön, weil die Leute sich daran erinnern, dass sie in Kassel Bekannte haben und so hat man im documenta-Jahr mehr Besuch als sonst und damit auch Gesprächspartner. So bekommt man die Gelegenheit, ganz verschiedene Wahrnehmungen von der documenta mitzukriegen. Ich schicke meine Besucher ohne nähere Infos herum, sich alles anzuschauen. Danach erzählen sie mir ihre Eindrücke. Denn jeder sieht anders und jeder stellt andere Fragen. Dabei helfen übrigens die Stühle und das ist ja von Buergel auch so gewollt: dass Leute sich hinsetzen und nicht nur geführte Gruppen, sondern Leute mit Besuch oder auch mit Fremden und man kommt ins Gespräch. Mit den Stühlen, das hat er wirklich sehr schön gemacht.

Wie führen Sie Ihren Besuch an die Ausstellung heran?

Na, ich erzähle über das was mir gefällt, was mich anspricht, was mich nachdenklich macht. Weniger stereotyp auf Kenntnisse ausgerichtet. Und wenn Leute kommen, die sagen: „Und das soll Kunst sein?!” Dann sag ich: „Komm mal mit! Ich zeig dir jetzt mal die fünf Sachen, die ich verstanden habe und die mir gefallen.” Das ist eine gute Methode. Erst mal gucken und nicht anfangen zu diskutieren, sondern mal zu sagen: „Komm wir gucken uns jetzt mal fünf Sachen an. Und dann können wir darüber reden!” Das ist schon ein guter Trick.

Was sagen Sie zum Beirat, dessen Aktivitäten in Kassel und Nähe
zur Kasseler Bevölkerung?


Der Beirat, das ist natürlich was Neues, was die anderen documenta-Ausstellungen nicht hatten. Da steckt ein großes Engagement dahinter, die Kasseler Bevölkerung mit einzubeziehen. Das imponiert mir und dass ist etwas Gutes für unsere Stadt, weil es nicht alles mit der documenta vergehen wird, sondern für einzelne Menschen sicher Folgen hat. Ich glaube, dass es was verändert an dem Leben in der Stadt und auch an Initiativen, die entstanden sind, dass das Anregungen sind, entweder weiter oder etwas anderes zu machen, was im selben Sinne ist oder was weiterführt, ein Lernprozess also.

Wie haben Ihnen der Öffentlichkeit zugängliche documenta-Projekte im Außenraum wie zum Beispiel das Mohnfeld gefallen?
 
Da sag ich gleich mal was zum Mohnfeld: Ich finde es wunderbar, dass es noch nicht blühte, als die ganze Journalistenmeute zur Eröffnung kam. Sondern dass wir, die wir da jeden Tag hingegangen sind, sehnsüchtig die erste Mohnblüte gesucht haben und dann waren es am nächsten Tag vier und dann waren es 19 und dann waren es 59 und dann waren es über 200 und dann habe ich aufgehört zu zählen. Außerdem habe ich ganz früh schon gewusst, dass das Mohnfeld sicher blühen wird. Denn ich stand einmal vor dem Fridericianum, als Herr Leifeld dort mit ein paar Leuten sprach. Die Tauben grasten da auf dem kahlen Feld und ich sagte: „Herr Leifeld, Sie werden den Mohn noch einmal säen müssen!“ „Nein!“ sagte er, „Wir haben 10 Prozent Soja darunter gesät und die Tauben fressen nur das Soja.“ Das habe ich dann auch weitererzählt.

Welche Kunstwerke von documenta 12 gefallen Ihnen besonders gut? Haben Sie „Lieblingskunstwerke“, die Sie sich öfter anschauen?

Ja, das sind die Ai-Weiwei-Stühle und dann dieser Raum mit den Dodiya-Arbeiten, weil das Sachen sind, die man erst so nach und nach entdeckt. Den Dodiya-Raum schaue ich mir für gewöhnlich von der Bank hinten links aus an. Da findet man immer Platz und hat eine schöne Sicht, vor allem auf die Bilder von Zofia Kulik und auch auf den Brunnen von Monastyrski. Dass Dodiya die Sprache so wichtig ist, habe ich beim ersten Hinschauen nicht gesehen, habe überlegt, was das für eine Schrift sein kann. Dann habe ich indische Schriftzeichen erkannt. Aber die Infos will uns ja keiner geben. Wir sollen ja selbst gucken!

Gibt es noch andere Ausstellungsräume, die Sie besonders mögen?
 
Von der Inszenierung her finde ich die Neue Galerie am schönsten. Und wenn ich Besucher habe, dann gehen wir immer den blauen Treppenaufgang rauf und den anderen runter. Denn das, was der Künstler aus Bangkok da gemacht hat, das versteht man ja nur, wenn man von unten hoch kommt, von oben sieht man das nicht richtig. Und diese Schleier mit den vielen Gegenständen (Hu Xiaoyuan), die sieht man dann am besten von oben. Dazwischen ist James Coleman, wo man erst überhaupt nicht weiß, was er eigentlich will. Dann bleibt man da sitzen und dann geht man wieder hin und dann denkt man: „Nein, das ist wieder nicht das, was ich gedacht hatte.” Abgesehen von der schauspielerischen Leistung, ist das auch eine sehr interessante Inszenierung, dass man sich da hinhockt und einfach eine Weile sitzen bleibt.

Und aufregend finde ich eben auch, wie das in Wilhelmshöhe gemacht worden ist. Wenn ich mit Besuch gehe, dann sage ich immer: „Fahren wir gleich rauf in den dritten Stock, gleich in den Rembrandtsaal!” Die meisten Besucher fangen unten an, aber ich versuche da immer einen anderen Einstieg zu finden. Und dann hat man links und rechts die alten Männer vom Rembrandt und dazwischen dieses Frauenporträt von der Zofia Kulik. Und dann dreht man sich um und dann ist da Rembrandts Porträt der Saskia! Das finde ich wahnsinnig gut inszeniert. Das ist das Highlight in Wilhelmshöhe.

Letzte Frage: Was machen Sie in den vier Jahren in Kassel, in denen keine documenta stattfindet?


[lacht] Naja, es gibt ja noch ein Leben jenseits der documenta. Man kann auch verreisen und sich woanders etwas ansehen. Außerdem hatten wir bisher immer die kunsthalle fridericianum und wir hatten René Block. Und der machte schöne Ausstellungen, die sehr documenta-nah waren.

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Interview führte Claudia Jentzsch.